Die
Informatikdidaktik stellt heuristische Verfahren für den
Lehr-Lern-Prozess im Fach bereit und evaluiert den Lernerfolg mit
empirischen Verfahren. Seit 1976 bestimmt die GI-Empfehlung "vom
Problem zur Lösung (Algorithmen) in einer Programmiersprache" den
Lernweg im Informatikunterricht. Die Analyse des informatiktypischen
Problemlösungsprozesses ermöglichte es, die heuristischen Schwerpunkte
Abstrahieren, Strukturieren, Erproben und Bewerten in ein Grundmodell
der informatischen Bildung [1] einzuordnen, das sich in der
Lehramtausbildung bewährte. Damit wurde der heuristische Weg zur
Gestaltung algorithmischer Lösungen in den Mittelpunkt des
Lehr-Lern-Prozesses gestellt. Die Entwicklung der Informatik brachte
neue Lernanforderungen zu verteilten Systemen und
Netzen. "Objektorientierte Programmierung" verdrängte die
"Strukturierte Programmierung" als allgemeine Problemlösungsstrategie
der Informatik. Im "Duden Informatik" wurde 1993 das Entwerfen
informatischer Modelle durch strukturierte Zerlegung (Modularisierung,
Hierarchisierung, Orthogonalisierung) als fundamentale Idee der
Informatik herausgestellt. Die Informatikdidaktik orientierte auf
Aufgabenklassen, um den Lernenden mittels Analogieschluss den Schritt
von unstrukturierten Ausgangsdaten zu einem informatischen Modell zu
ermöglichen. Aus dem bereits erlernten Repertoire wählt der Lernende
ein geeignetes Strukturkonzept aus. Es wurden neue Aufgabenklassen [2]
für den Informatikunterricht vorgeschlagen, die den
Modellbildungsprozess vertiefen und von den Besonderheiten der
Programmiersprachen trennen. Das Verständnis für Architektur und
Funktionalität von Informatiksystemen muss stärker als bisher
gefördert werden, indem z.B. Entwurfsmuster [3] angewendet und
wiederentdeckt werden. Der Paradigmenwechsel von imperativen Lösungen
mittels Grundalgorithmen zu objektorientierten Lösungen mittels
Entwurfsmustern steht im Informatikunterricht an.
Widersprüchliche
empirische Ergebnisse verunsichern die Lehrerinnen und Lehrer. Das
objektorientierte Problemlösen wurde als besonders intuitiv und
einfach dargestellt. In Hospitationen und Videoaufzeichnungen
bestätigte sich das nicht. Das Variablenkonzept, die Datentypen und
Datenstrukturen, die imperativen Strukturen (Zyklen und Alternativen)
sind Basiskonzepte der objektorientierten Lösungen und müssen parallel
zum Verständnis von Klassenhierarchien, Vererbung und dem Austausch
von Botschaften erlernt werden. Der historische Entwicklungsweg von
funktionaler Abstraktion über Datenkapseln und abstrakte Datentypen
zur Vererbung zeigt die Anforderung an das Abstraktionsvermögen der
Lernenden, das häufig unterschätzt wird. Mit dem Konzept der
"Didaktischen Systeme" wird von der Arbeitsgruppe "Didaktik der
Informatik" der Universität Dortmund eine Kollektion aufeinander
abgestimmter Lehr-Lern-Materialien bereitgestellt, die in einem
Unterrichtsszenario je nach Zielgruppe sehr flexibel zu verschiedenen
Kompetenzen führen können. Bestandteile eines solchen
informatikdidaktischen Systems sind traditionelle Komponenten:
I. Gruppe:
II. Gruppe:
Die II. Gruppe ist vorgesehen zur Erweiterung der I. Gruppe, enthält also fachdidaktische Metaregeln, die den Zielgruppenbezug herstellen. Es ist nicht an eine automatisierte Generierung von Lernmaterial gedacht. Die Komponenten der II. Gruppe sollen ausschließlich für die Hand der Lehrerin und des Lehrers sein, die bei den fachdidaktischen Entscheidungen unterstützt werden.[4]
| [1] | Schubert, S. (1991): Fachdidaktische Fragen der Schulinformatik und (un)mögliche Antworten. In: Gorny, P. (Hrsg.): Informatik: Wege zur Vielfalt beim Lehren und Lernen. Springer, Berlin, S. 27-33. |
| [2] | Brinda, T. (2000): Sammlung und Strukturierung von Übungsaufgaben zum Objektorientierten Modellieren in Informatikunterricht. In: LOG IN, Heft 5, S. 43-53. |
| [3] | Gamma, E.; Helm, R.; Johnson, R.; Vlissides, J. (1996): Entwurfsmuster. Addison-Wesley, Bonn. |
| [4] | Brinda, T.; Schubert, S. (2001): Didaktisches System für objektorientiertes Modellieren. Forschungsbericht Nr. 752, Fachbereich Informatik, Universität Dortmund, URL: http://ddi.cs.uni-dortmund.de:8000/ddi_bib/forschung/berichte/ |
Sprecherin: Prof. Dr. Sigrid Schubert
Didaktik der Informatik
Universität Dortmund
Wann: Montag, 2. April 2001, 15:15 - 16:45
Wo: HS 3, Universität Klagenfurt
Wissenschaftlicher Lebenslauf der Vortragenden:
Forschungsinteressen:
Weitere Aktivitäten: